Thursday, December 29, 2005

Weihnachten auf Canadisch


Heute ist Donnerstag, der 29. Dezember und ehrlich gesagt, bin ich fast froh, dass ich wieder in meinen Büro sitzen darf.
Ich habe mein erstes Weihnachten in der Fremde mehr oder weniger heil überstanden.

Da Martin und ich ja nicht nur Haus und Hof teilen, sondern auch mit Viren und Bakterien sehr grosszügig sind, hatte ich natürlich ruckzuck Martins Erkältung am und im Hals. Husten, Schnupfen, Heiserkeit machen die Weihnachtsvorbereitungen für die Invasion der Verwandtschaft nicht wirklich einfacher. Martin verabreichte mir leckeres Wick MediNait (gibt es hier mit Kirsch-Geschmack!), was zur Folge hatte, dass ich Freitag meinen letzten Arbeitstag in ziemlich betütteltem Zustand verbrachte.
Samstag durfte ich zwar ein bisschen ausschlafen, aber dann war wieder Schnee schippen angesagt.

Nachmittags kamen Heiko, Isabelle und klein Lukas an.
Wir merkten ziemlich schnell, dass unser Haus nicht wirklich kindersicher war, denn ruckzuck hatte Lukas unsere Fernbedienungen, Telefonkabel und Tannenbaumanhänger fest im Griff!
Sonntag war dann der Tag der Invasion Quebecoise. Schwiemu mit Freund und Martins Schwester Lynne mit Mann und 3 Monsterns zwischen 4 und 8.

Mit Glühwein, Truthahn, Eggnogg und Linzertorte war dann Highlife bis 11 Uhr abends. Doch damit war es noch nicht getan, denn sie kamen alle am nächsten Morgen zurück zum Frühstück. Allerdings nich um 7:30 Uhr wie angekündigt, sondern erst um 9:30 Uhr... was andererseits sehr praktisch war, denn dies gab Martin und mir 2 Stunden Zeit, unsere komplett eingeschneite Einfahrt wieder freizuschaufeln.
Mittags reiste dann der Grossteil wieder ab, und wir konnten mit der Beseitigung des Chaos beginnen.
Heiko und Isabelle blieben noch bis zum nächsten Morgen, da die Wetterbedingungen mit starkem Schneefall und 90km Windgeschwindigkeit nicht gerade zu einer 6stündigen Autofahrt animierten.
Dienstag, der 27. war Martins Geburtstag, aber nachdem auch die letzten Gäste um 10 Uhr abgereist waren, waren wir beide zu fertig für irgendwelche Feierlichkeiten.
Wir haben daher als Belohnung für den ganzen Stress unsere Hochzeitsreise gebucht. Eine Woche Bahamas ohne kochen, putzen, aufräumen... und vor allem - ohne Verwandtschaft!

Tuesday, December 20, 2005

Holzbalken vs. Backstein - Bilder aufhängen auf canadische Art

Ich wollte mal wieder die Innenarchitektin in mir rauslassen und beschloss, meinen grossen Spiegel aufzuhängen. Martin fragte wohlerzogen, ob er mir helfen könne, aber mit meinem ALDI Akkubohrschrauber und meiner Tchibo-Wasserwaage bin ich ja komplett autark und schickte ihn wieder zurück auf die Couch.
Ich nahm Mass und zeichnete meine Löcher ein und machte mich ans Bohren und fiel nach ca. 5 mm mit dem Bohrer in ein Loch hinter der Wand. Auf mein lautes Fluchen hin kam Martin und fragte, wo den das Problem sei. Das Problem war, dass ich den Backstein hinter der Tapete vermisste. Martin fragte mich mit grossen Augen, ob ich denn vor dem Bohren nicht den Holzbalken lokalisiert habe... Holzbalken?
So lernte ich auf die harte Tour, dass die Wände hier aus ein paar Balken und ein bisschen Pappe bestehen.
Na gut, ich holte also den "Stud-finder" suchte mir einen Balken, versenkte meine Dübel drin und brachte dann letztendlich doch noch den Spiegel an die Wand!

Die ersten Schritte

Leise rieselt der Schnee...

Was wirklich war ist! Zum Glück nur noch leise, denn Freitag hatte ich meinen ersten Schneesturm hier in Quebec und das war kein Spass.

Da die Zeit ja so schnell vergeht, Weihnachten vor der Tür steht und das Jahr 2005 schon fast vorbei ist, möchte ich doch noch einmal kurz die letzten 8 Monate zusammenfassen.

Nach einem doch sehr schweren Abschied, bin ich am 10. April ins Flugzeug gestiegen, um meinen neuen Lebensabschnitt in Canada zu beginnen. Das lange Jahr der Einwanderungsvorbereitung zahlte sich nun endlich aus, und ruckzuck war ich permanent resident of Canada.
Canada selbst dachte sich aber, dass es mir die Ankunft hier ja nicht ganz so leicht machen kann, und bescherte mir ersteinmal so richtig fieses Wetter während der ersten Wochen.
Da Martin ja jeden Morgen zur Arbeit musste, nutzte ich die Zeit, die Wände zu streichen und das Haus auf die Ankunft meines Containers vorzubereiten! Noch sah es hier wie eine typische Junggesellenwohnung aus – Couch, Fernseher und viel Platz.

Auf dem Papier war ich zwar schon fast Canadier, aber die entscheidenden Dinge wie Krankenversicherungskärtchen, Sozialversicherungsnummer und Führerschein fehlten mir noch. Und ohne diese 3 Dinge geht hier so gut wie gar nichts. Die ersten beiden Dinge zu beantragen war recht einfach, für den Führerschein brauchte ich 4 Monate und 3 Anläufe, denn in einer Sache sind die Quebecer den Franzosen sehr ähnlich – im Streiken! Gut Ding will Weile haben...

Sehr hilfreich war auch das Einführungsseminar für neue Immigranten, das das Einwanderungsbüro anbot. Es ging über 5 Tage und wir erfuhren alles über Versicherungen, Arbeitsbedingungen, Rechte, Pflichten, sprachliche Besonderheiten und besichtigten das Rathaus, die Bibliothek, ein Arbeitsamt... Tolle Sache!

Zeitgleich dazu kam auch mein Container an! Meine akribisch ausgeführte Liste mit dem Inhalt jeder einzelnen Kiste wurde vom Zollbeamten nur mit einem gelangweilten Blick überflogen und dann abgehakt. Ich hätte also kistenweise Kirschwasser und Schwarzwälder Schinken importieren können und keiner hätte es gemerkt...
Die Ankunft meines Containers war trotz allem wie Weihnachten und nach stundenlangem Auspacken und Aufbauen sah unser Häuschen ruckzuck gleich ganz anders aus!

Und dann fand ich meinen ersten Job – bzw der Job fand mich.
Schon in Frankfurt hatte ich meinen Lebenslauf in ein paar canadische online Jobbörsen gestellt. Mit Erfolg, denn ich bekam eine email mit der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Und so fing ich am 9. Mai meine erste Stelle bei Medi-Select an. Es war ein kleines Familienunternehmen, das im Einzel- und Zwischenhandel von medizinischem Equipment tätig ist. Ich war für das Inventar und die Rechnungsstellung zuständig. Ein sehr eintöniger Job, aber für den Anfang hier genau richtig. Mit der Zeit merkte ich allerdings, das ich mehr als unterfordert war und die Stimmung in der Firma nicht die beste ist... Auch die Konditionen waren auf Dauer nichts. Für die verwöhnten Deutschen hier mal einige Details: kein Urlaub im ersten Jahr, danach 2 Wochen pro Jahr. Gehalt 12 canadische Doller pro Stunde (ca. 8 Euro) – und ich war eine der besser bezahlten Angestellten! Kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld, kein 13. Gehalt, kein Fahrtkostenzuschuss.... nada.
Naja, wie auch immer, die Arbeit hielt mich beschäftigt und ich genoss den Sommer und die Wochenenden.

Wir hatten einen Garten rund um unser Haus, aber der bestand bis zu diesem Sommer nur aus Erde... Ganz mutig beschlossen Martin und ich, einen kleinen Gemüsegarten anzulegen und züchteten mit Erfolg Tomaten (kiloweise!!!!), Zucchini, Kürbis und Karotten. Paprika und Brokkoli opferten wir den Raupen! Die wollen ja schliesslich auch leben.
Ausserdem pflanzten wir einen Kirschbaum hinters Haus und einen Apfelbaum vor das Haus (wie es die Stadtverwaltung von St-Emile vorschreibt!). Und einen weiteren Abend verbrachten wir damit, zig Meter Rollrasen zu verlegen. Wusste gar nicht, wie schwer Rasen ist. Mit ein paar Hisbiscii, einem Zitronenbäumchen, ein paar Blumenkästen und nützlichen Gartenkräutern auf der Terrasse wurde es dann auch richtig schön bunt und sommerlich.
Der Sommer war heiss und schön und wir nutzten die Wochenenden für Ausflüge in die Umgebung. Die Krönung war natürlich mein Geburtstag in Charlevoix – Heiratsantrag inklusive.

Ausser dem Ring bekam ich noch ein Fahrrad zum Geburtstag, mit dem ich dann auch fleissig zur Arbeit radelte. Hinzus war das immer spassig, da es nur bergab ging, dafür musste ich mir dann das Abendessen durch 40 Minuten bergaufradeln immer schwer verdienen! Aber was tut frau nicht alles für die schlanke Linie!

Ein weiteres Highlight des Sommers war unser Kanu-Camping-Trip im Park Jacques-Cartier. Abgesehen von der Tatsache, dass wir gleich bei der ersten Stromschnelle das Kanu voller Wasser hatten, dass wir am Campingplatz vorbeipaddelten und dann wieder flussaufwärts zurückmussten und ich natürlich wieder Mückenfutter war, war es ein echter Spass! Wir lebten feudal mit Cappucino, überm Lagerfeuer gebackenen Blueberry-Pancakes, Rotwein und Smores.

Martin verbrachte fast 3 Monate zuhause mit dem Distance-learning Part seines Kurses. Er musste sich dafür nicht wirklich ein Bein ausreissen und genoss daher den Sommer noch mehr als ich. Der zweite Teil seines Kurses fand in Kingston, Ontario statt und war für die ersten 3 Monate 2006 geplant. Aber da die Army ja schlimmer ist als jeder Kindergarten, kam natürlich wieder alles ganz anders und er erfuhr am 19. September, dass er am 24. September in Kingston sein musste. Gleichzeitig kündigte ich meinen Job und so fand ich mich am 24. ohne Mann, ohne Job und mit viel Zeit wieder. Aber so ein bisschen Erholung war gar nicht schlecht und ich genoss die Zeit für mich. Ausschlafen, relaxen, shopping, Hochzeitsplanung... richtig langweilig wurde mir nicht.

Und dann kam ja auch schon Mona zu besuch. Leider war das Wetter ziemlich bescheiden aber wir machten das beste daraus. Als erstes und wichtigstes war Brautkleid-shopping angesagt! Nach vielem rein und raus und ahhs und oohhhs fiel dann endlich die Entscheidung. Diese Aufgabe abgehakt, konnten wir uns dann auf den richtig spassigen Teil konzentrieren mit kleinen Ausflügen, Lifemusik im Pub, lecker Essen und natürlich Shopping.

Das perfekte Timing sah vor, dass ich Mona am Mittwoch nach Montreal zum Flughafen brachte, am Donnerstag ein Telefoninterview hatte, am Freitag ein persönliches Interview und am Montag den neuen Job anfing!

Seit Ende Oktober arbeite ich nun hier bei Taleo, einer Computerfirma, die die marktführende Anwendung für Personalverwaltung produziert/managed. (
www.taleo.com für alle Interessierten). Ich arbeite hier im technischen support – sozusagen der Hotline für unsere Kunden, wenn was mit der Anwedung nicht stimmt. 95% der Anrufe sind englisch, was mir natürlich sehr gelegen kommt. Die Firma ist jung, dynamisch und erfolgreich, das Klima freundlich und international. Immer noch nicht der Traumjob, aber auf dem richtigen Weg dorthin!

Somit war ich auch wieder beschäftigt und die 3 Monate ohne Martin gingen dann auch irgendwie vorbei. Seit letztem Mittwoch ist er zurück - mit dreckiger Wäsche und einer fiesen Erkältung im Gepäck. Jetzt muss ich wenigstens nicht mehr ganz alleine Schnee schippen! Ja richtig, Schnee. Der erste canadische Schnee fiel hier am 3. November.


Letzten Freitag hatten wir beide unsere Office Weihnachtsfeier. Martin in Ste-Foy und ich im Chateau Frontenac. Da wir von Taleo Sonderpreise hatten, haben wir beschlossen, dort zu übernachten. Eine sehr weise Entscheidung! Denn Freitag am späten Vormittag fing es an zu schneien und zu schneien und zu schneien.... und hörte nicht mehr auf. Als ich um 5 das Büro verliess und eigentlich den Bus zum Chateau nehmen wollte, tobte draussen das Chaos. Autos standen kreuz und quer, ein Bus mittendrin und nichts ging mehr. Daher beschloss ich, zu Fuss zum Chateau zu gehen. 45 min knietief bergauf durch den Schnee.

Aber die Party war trotzallem sehr gut, Martin kam auch heil an, und am nächsten Morgen wachten wir in einem tiefverschneiten Quebec auf. Wir stapften ein bisschen durch die Altstadt, hatten lecker Frühstück und machten uns dann auf den Heimweg. Unterwegs hielten wir noch kurz an, um eine 2. Schneeschaufel und einen Christbaum zu kaufen (Schneesturm Sonderrabatt!). Wir trauten unseren Augen kaum, als wir nach Hause kamen. Eine geschlossene Schneedecke von einem halben Meter Höhe trennte uns von unserem Haus. 2 Stunden später hatten wir die Einfahrt soweit freigeschaufelt, dass wir das Auto reinparken konnten.
Über weisse Weihnachten müssen wir uns hier wirklich keine Sorgen machen!!!

Weihnachten kommt fast die ganze Rivard Familie zu uns zum grossen Truthan-Fressen. Mal sehen, ob klein Lukas mit seinen 4 Zähnchen auch schon an einem Schlegel nagen darf.

In guter deutscher Tradition habe ich auch fleissig Plätzchen und Linzertorten gebacken, was aufgrund angepasster Zutaten und seltsamer Öfen zeitweise sehr frustrierend war. Aber Schwarzwälder schmecken auch!

So, ihr seht also, dass ich mich hier doch ganz gut eingelebt habe. Ganz so einfach wie es klingen mag, war es natürlich nicht. Ich hatte (und habe immernoch) schwer mit dem seltsamen Französisch zu kämpfen. Ich vermisse die Weihnachtsmärkte, Buttermilch und deutsches Fernsehen. Kürbiskernbrötchen, Gummibärchen und SWR3.
Aber das ist auch gut so, denn so hab ich dann was zum drauf freuen, wenn ich zu Besuch komme!

Dann wünsche ich euch allen erstmal ein frohes und geruhsames Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Viele Grüsse
Eure Sabine